Lange Beine, kurze Strumpfhosen und enge Sitze im Flugzeug

Sarah Brabender mit ihren langen Strumpfhosen Beinen in ihrem Schuhgeschäft in Essen

Hier sind meine langen Beine und ich stolz in meinem eigenen kleinen Schuhgeschäft in Essen

Letztens habe ich das zweijährige Bestehen meines Ladens gefeiert. Mit dabei war die Hamburger Sängerin und Drag Queen Nessy Karolinger. 2,12 Meter groß, Beine bis zum Himmel, einfach toll! Fand jeder, fand ich, fand meine Familie, fanden die Kundinnen, fanden deren Männer, fand Nessy selbst. Als große Frau weiß man das oft gar nicht so zu schätzen, weil es für uns einfach normal und selbstverständlich ist. Das sind halt unsere Beine.

Traumhaft lange Beine?!?!

Dass andere von dieser Länge nur träumen, daran denken wir gar nicht. Uns fällt es immer nur auf, wenn wir passende Hosen oder Röcke suchen – nein, ich möchte nicht immer 7/8-Hosen tragen und einen richtigen Rock statt Gürtel würde ich auch bevorzugen… Oder wenn im Bus oder Flugzeug ständig die Grenze zwischen Schmerz und Knieschaden ausgelotet wird. Vor allem, weil man natürlich auch immer den einzigen rücksichtslosen „Sitz-nach-hinten-Schmeißer“ und Kniecrasher vor sich sitzen hat… Aber ich bin dann echt immer zu nett, um mich da mal etwas mehr durchzusetzen und meine Knie zu retten… Das mit dem Durchsetzen muss ich noch üben.

Strumpfhosen sind ja auch so ein Thema. Neben der Beinlänge kommt ja noch die Fußlänge hinzu, die in den Stoff passen muss. Einige große, langbeinige Frauen schneiden radikal das Fußende ab –dann können sie wenigstens als Leggings durchgehen. Das ist natürlich eine Möglichkeit, aber nicht wirklich optimal. Andere können wie ich die Strumpfhosen in „as big as possible“ und elefantengroß kaufen. Dann passt es auch mit den Füßen und Beinen, allerdings geht dann der Bund auch schön bis unters Kinn. Cocooning mal anders… Eine Nummer kleiner käme vielleicht auch noch so gerade hin. Aber wer hat schon Lust, mindestens eine halbe Stunde lang in sorgsamer Kleinstarbeit das Ding nach oben in eine angemessene Position zu bringen? Und dann – tadamm, mit dem Nagel hängen geblieben, Laufmasche und das Spiel beginnt wieder von vorne… ein Traum.

Lange Beine bedeuten übrigens auch nicht, dass man super easy überall drauf- und drüberklettern kann. Klar, laufen einem kleine Kinder weniger vor die Beine, sondern eher zwischen die Beine durch. Deswegen kann ich aber trotzdem ohne Probleme über einen Pfosten der gleichen Höhe stolpern. Wir können auch nicht unbedingt schneller laufen und höher oder weiter springen. Bei uns Langbeinigen gibt es genauso viele Mega-Unsportliche und Unkoordinierte wie bei den anderen auch.

Dafür kann man über vielen Dingen stehen

Aber lange Beine sorgen auch dafür, dass man über vielen Dingen steht. Im vollen Bus zum Beispiel. Wenn die anderen im stickigen Geruchschaos fast eingehen, können wir die Luft da oben genießen – ohne Angst zu haben, bei der nächsten Bremsung in der Achselhöhle des schwitzigen Herrn neben uns zu landen. Und wir können unsere langen Beine natürlich schön mit einer engen Hose oder einem Rock oder Kleid und tollen hohen Schuhen in Szene setzen. Denn lange Beine gelten als attraktiv.

Warum das so ist? Keine Ahnung, es sieht halt gut aus, würde man nun sagen. Ich habe mal gelesen, dass lange Beine laut Evolutionsforschern mehr Gesundheit suggerieren und deswegen so attraktiv für Männer sind. Zusätzlich sollen lange Beine für den Wechsel vom Kind (kurze Beine) zur Frau (lange Beine) stehen und somit besondere Signale senden. Ob das so stimmt, ich weiß es nicht. Das ist auch egal, wir haben eh die Beine, die uns mitgegeben wurden.

Obwohl… Ich finde es erschreckend, dass es vermehrt Schönheitsoperationen gibt, die Beine bis zu zehn Zentimetern verlängern. Das scheint wohl besonders in asiatischen Ländern gefragt zu sein. Glaubt mir, Genaueres dazu wollte ihr nicht wissen. Aber dass solche Eingriffe nicht gerade schmerzfrei und risikofrei sind, sollte klar sein.

Perfekt? Unperfekt? Was heißt das denn schon?

Nee, nee, wie verrückt wir sind. Immer wollen wir das sein, was wir nicht sind. Selbst die in unseren Augen perfekten Frauen haben etwas an sich auszusetzen. Was ist da los? Wir sollten uns wirklich mal mehr darauf besinnen, was an uns besonders toll ist und nicht immer nur die Unperfektheiten sehen. Und was heißt schon perfekt? Langweilig. Eben.

In diesem Sinne: Meine langen Beine sehen heute übrigens bezaubernd aus. Und macht Euch keine Sorgen, wenn ich mal für eine halbe Stunde verschwunden bin. Ich trage heute Strumpfhosen.

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